Tilman Strasser

Schreibstoff: Kokain

Lit stellt vor: Die wichtigsten Drogen im Literaturbetrieb


Ihre Nasenscheidewand ist vom Buchleimschnüffeln geprüft und kommt mit der prickelnden Herausforderung bald klar. Wenn die Nebenhölen taub werden, dauert es noch zwei Minuten bis zum Flow. Versichern Sie sich noch einmal, dass genügend Nahrungsmittel und Zigaretten in der Nähe lagern: Einmal auf Droge, sind das die Knallfrösche in Ihrem Ideenfeuerwerk. Die großen Silvesterraketen liefert das Koks natürlich selbst mit, wobei die Dauer des Spektakels variiert: Nur Profis schaffen eine optimale Dosierung. William S. Burroughs (Wenn es etwas besseres als Kokain gibt, hat Gott es für sich behalten) verfasste ganze Romane auf Koks, Robert Louis Stevenson schrieb Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde in drei Tagen herunter, Gottfried Benn gelang dagegen gerade mal ein Vers pro 20mg. Die berühmteste koksende Romanfigur behielt dank des Genusses über Jahre ihr Spürnäschen: Sherlock Holmes fand meist unter allen weißen Linien den roten Faden und finanzierte sich mit den Prämien für die Lösung eines Falles den nächsten Großeinkauf.

Achten sollten Sie noch auf eines: Ihr Stil wird durch den Konsum unweigerlich beeinträchtigt. Auf Kokain ist es nicht möglich, Punkte zu machen. Ihr Sätze enden in Ausrufe- oder Fragezeichen, meistens aber gar nicht. Die Folge ist eine atemlose Prosa, die sich rasant entwickelt und hinterher ein wenig leserfreundlicher Glättung bedarf. Aber kein Problem: Dafür haben Sie ja neben dem idealen noch einen leibhaftigen Lektor.

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Copyright © Tilman Strasser – Apr 15, 2008