Tilman Strasser

Schreibstoff: Feuilleton

Lit stellt vor: Die wichtigsten Drogen im Literaturbetrieb


Der Autor ist überzeugt, besser zu schaffen als andere, und je schlechter die anderen besprochen werden, desto überzeugter ist er von sich. Deswegen braucht er seine tägliche Dosis Feuilleton wie die Luft zum Atmen. Natürlich, das weiß der Autor, sind die Kritiker ein Haufen inkompetenter, nichtsnutziger Tagelöhner. Nur was die Bücher der anderen angeht, treffen sie erstaunlich oft den richtigen Ton.

Die Besprechung des Tages ist fünfspaltig: Ein bekannter deutscher Schriftsteller hat ein neues Werk vorgelegt. Es ist, so verheißt bereits die Überschrift, „spektakulär“, und die Unterüberschrift deutet an, dass es spektakulär missraten ist. Der Autor lehnt sich zurück. Entspannung legt sich auf seine Gesichtszüge. Er spürt eine tiefe Befriedigung und genießt. Der Tee ist kalt geworden.

Der Tag des Autors verläuft im Weiteren blendend. Er isst in einem teuren Lokal zu Mittag, in Erwartung seines baldigen Durchbruchs kann er sich etwas gönnen. Von irgendwelchen Verwandten leiht er sich Geld, auch ein Anruf bei seinem Agenten kann seiner guten Laune nichts anhaben – es wird sich schon noch ein Verlag finden. Nachmittags nimmt er sich sein aktuelles Manuskript zur Brust und ist selbst überrascht über die Vielzahl origineller Einfälle und Formulierungen.

Erst abends, als langsam die Selbstzweifel an ihm zu nagen beginnen, als schon wieder kein Wein im Haus ist und der erste Satz seines Manuskriptes ihm fad vorkommt, die Figuren platt, die Handlung Staffage und die Worte banal und inhaltsleer, dann klingt es ihm wie aus der Ferne leise in den Ohren: „Verrisse, Verrisse!“ Und er wartet sehnsüchtig auf den nächsten Tag.

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Copyright © Tilman Strasser – Sep 15, 2008