Das Junkie-ABCDie Welt des Junkies ist hart und chaotisch. Doch man kann sie auch nüchtern betrachten. Ein alphabetischer Überblick in zwei Teilen. Teil 1, von A-L E wie ExtremeImmer wieder zeigt sich, dass der Junkie die extremste Stellung im Drogendiskurs einnimmt und von ihm nur in Extremen gesprochen werden kann. Diese sind es schließlich, die den Kern seiner ambivalenten →Faszination begründen. F wie Faszination, ambivalenteVgl. u.a. →Coolness, →Individuum. Mehrmals wurde bereits die ambivalente Faszination des Kulturtypus Junkie betont. Der Junkie verkörpert eine eigenartig zwiespältige Figur. Er kann sich als Held wie als →Opfer inszenieren, er beeindruckt durch sein suchtgezeichnetes Auftreten, das in der Fremdwahrnehmung nicht gefährlich, sondern gefährlich-attraktiv wirkt. Diese Ambivalenz trägt dazu bei, dass die vermeintlich positiven Seiten des Heroinkonsums und Junkietums die Überzahl der negativen Aspekte oberflächlich überstrahlen. Da das Verbotene und Gefährliche mehr fasziniert als Alltägliches, da der Junkie stark und →cool, seine Antisozialität und Weltverneinung als Kulturkritik bzw. Kulturverneinung (→Krieg) wirken, ist er ein potentielles Idealbild für →Jugendkulturen, die sich mit ihm identifizieren und seine Ästhetik aufgreifen (→Punk). Seine Endgültigkeit, Gleichgültigkeit und Verlorenheit werden romantisch verklärt oder zur Avantgarde gemacht. Er verkörpert auf diese Weise u.a. Sehnsucht, Enttäuschung und Kulturkritik. G wie Goldener SchussDer Goldene Schuss ist das Ende aller →Extreme. Ein Ende der Sucht in derartigen Extremen kann nur der →Tod sein. In einer Welt, die dem Süchtigen nicht mehr lebenswert erscheint, kann der Tod allerdings auch eine erlösende Funktion einnehmen. Wahrscheinlich stellt sich jeder, der der →Faszination des Junkies erlegen ist, den Goldenen Schuss als bombastischen Abschluss vor. In orgiastisch-orgasmischem Heroinflash, besonders extrem wegen großer konsumierter Masse, wabert der Junkie von seiner Rausch-Traumwelt direkt weiter in den erlösenden →Tod – schmerzfrei und schön. Darum auch das euphemistische Namensattribut, im Gegensatz zum sonstigen Junkieslang: Dieser Schuss ist besonders, er muss golden sein, die Erlösung ist golden. Nicht farblos oder →schwarz, wie Einstellung und Weltsicht des Junkies. H wie HautJunkiehaut ist verfallen. Sie juckt, hat geröteten Ausschlag und trägt verschorfte Wunden. Junkies sind an ihrem ständigen Kratzreflex zu erkennen. Beschränkt sich Kiffen auf geweitete Pupillen, macht Heroin sich den gesamten Körper untertan, und das nicht nur im Sinne der Abhängigkeit. Gleichzeitig ermöglicht Junkiehaut, die ambivalente →Faszination aufrecht zu erhalten. Der erbärmliche Zustand seines größten Organs macht den Junkie im wörtlichen Sinn unberührbar. Er bezieht seine →Coolness daraus, körperlich wie geistig unnahbar zu bleiben. Das ermöglicht ihm paradoxer Weise eine Präsenz, die den Urtypus des modernen →Individuums darstellt. Copyright © Maren Lachmund – Aug 15, 2008 |
|