Maren Lachmund

Das Junkie-ABC

Die Welt des Junkies ist hart und chaotisch. Doch man kann sie auch nüchtern betrachten. Ein alphabetischer Überblick in zwei Teilen. Teil 2, von M-Z


U wie Utopie

Nach den positiven Utopien der 1960er Jahre, die auf Einheit, Kollektiverfahrung, Gleichheit, Weltumfassung und Weltveränderung abzielten, folgte nach deren erwiesener Unrealisierbarkeit die Verzweifelung. In der Drogenkultur vollzog sich die Diskursänderung hin zur Enttäuschung durch die Abkehr von kollektiven, weltverändernden, „politischen“ Drogen wie dem LSD oder Marihuana hin zu harten Drogen, zum Heroin.

Ab den 1970er Jahren, mit dem Zerplatzen der positiven Hippie-Utopien, lassen sich in Subkulturen vermehrt Negativutopien auffinden. Der →Punk baut darauf auf und hat bis heute den Hippie als erklärten „Feind“. In der aufkommenden elektronischen Musik, in der Politik, in →Jugendkulturen, besonders in der Popkultur und auch in den Drogendiskursen dieser Zeit erfolgte eine Abkehr vom Kollektiv hin zur →Individualität, gegen alles, was sich nicht hatte verwirklichen lassen. Der Junkie ist ein solcher kultureller Gegenentwurf zu den gescheiterten Diskursen der Hippies. Er steht als dunkel/→schwarz dem Hellen gegenüber, als isoliertes →Individuum dem Kollektiv, als →Kriegsführender der Transzendenz- und Veränderungsidee. Er verfolgt kein höheres Ziel, seine Droge ist nicht mehr „politisch“ und er selbst ist nicht mehr frei (auch wenn er gerne so dargestellt wird), sondern ihr Sklave. Beschaffungskriminalität, Gewalt und Aggressionen sind Unbekannte im vorherigen (Drogen-)Diskurs, erst mit dem Junkie kommen sie auf. Ruhe im →Tod als alleiniges Ziel ist die Negativutopie, die das Ende der Gesellschaft und die Hilflosigkeit bezeichnet.

Heroin gab es schon vor dieser Zeit. Aber es sind gerade diese Veränderungen in der Kultur und Gesellschaft, die zu seinem Siegeszug geführt haben. Der Wechsel der Drogen vollzieht sich auch körperlich: Heroin ist nicht mehr psychoaktiv und bewusstseinserweiternd, sondern macht konkret körperlich abhängig.

Dennoch wird der Junkie mit seiner Haltung zum Star. Das unnahbare Individuum fasziniert mehr als das Kollektiv. Seine Verletzlichkeit wirkt anziehend, seine Gleichgültigkeit →cool. Er ist Teil der Kultur, die er zu bekämpfen scheint.

V wie Verfall, körperlicher

Vor lauter Weltschmerz und Erfrieren an der Kultur ist der körperliche Verfall als Folge der Abhängigkeit dem Junkie gleichgültig. Sein Zugrundegehen ist nur ein Nebenprodukt, wie etwa Schmerzen oder →Qualen, die auftreten, wenn es ihm nicht gelingt, schnell genug den nächsten →Druck zu organisieren. Heroin wirkt sehr aggressiv und greift den schwachen Junkiekörper permanent an, allein für den Konsum der Droge ist eine Verletzung durch die Injektion nötig. Das Gefühl der extremen Gleichgültigkeit ist charakteristisch für Opiate, und die starke Heroinsucht führt dazu, dem Junkie sämtliches anderes Interesse gleichgültig werden zu lassen. Die Droge übersteigt in der →Extremform der Sucht sogar das Interesse für den eigenen Körper.

W wie Weltflucht

Die Kultur kühlt ab im Junkie. Er ist der Inbegriff von Abgebrühtheit und →Coolness, er wird als Synonym für Kulturkritik und Protest inszeniert. Als Märtyrer stirbt er schließlich den Helden→tod und verhilft der Negativ→utopie zur logisch falschen Selbstverifikation: „Seht, dies ist unsere Kultur, das macht sie aus uns, und sie richtet uns zugrunde“.

Obwohl er ständigen →Krieg gegen die Gesellschaft, in der er lebt, führt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in dieser Gesellschaft zu leben. Charakteristisch für den Junkie ist daher eine ambivalente Weltflucht, in der er dennoch präsent bleibt. Seiner suchtbedingten Gleichgültigkeit ist sowohl dieser Rückzug wie auch die Präsenz geschuldet: Anders als Hippies, die meinten, nichts anderes zu brauchen, kann er sich eben nicht in die freie Natur zurückziehen. Er braucht die Gesellschaft und die Stadt, um seine Drogen zu beschaffen. Der Junkie ist ein typisches Großstadt→individuum.

X wie Xylophone

haben herzlich wenig mit Heroin zu tun.

Y wie Frau Ypsilanti

ebensowenig.

Und

Z wie Zebras

auch nicht.

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Copyright © Maren Lachmund – Sep 15, 2008