Jan Fischer und Marcel Maas

Aufgebitcht und vollgepumpt

Auf der Suche nach dem Hildesheimer Traum. Eine Resignation


Das Hildesheimlied. Grinsen. Rauchen. Erste Zweifel.

Wir haben uns aufgebitcht: Sakko, Hemden, einmal Hawaii, einmal weiß mit roter Krawatte, gute Hosen, wir haben uns Mühe mit den Haaren gegeben, wir haben Pizza gegessen, Geld abgehoben und kleinen Feigling in der Brusttasche. Das Tonband verzeichnet die ersten Stimmen, überschlagende Erwartungshorizonte. Nichts illustriert ein Stadtbild so gut, wie ein voll integrierter Irish Pub. Fünf Lehramtsstudenten, einer davon baggert an einer eidechsenähnlichen Frau herum. An der Bar sitzt Harry, ein alter Verrückter mit fast intellektuellen Gesichtszügen. Ein Rockabilly, der sich selbst Schorse nennt, steht auf der Bühne und covert Elvis. Wir haben Mitleid und bestellen Llagavullin. Harry versucht niemand bestimmtem zu erklären, wie lang ein Werst ist. Dann redet er von Vietnam. Er brabbelt und wird dabei immer lauter, bis die Barfrau ihn zur Ruhe ruft. Wir wollen gehen, hier gibt es nichts für uns, keine Anhaltspunkte, keine Erklärungen, aber die Barfrau rät uns, noch zu bleiben. Schorse, sagt sie, spielt gleich das Hildesheimlied. Wir sind hier aufgewachsen/Hildesheim, Niedersachsen/Ja, hier sind wir zuhaus/ Hildesheim, für mich bist du ein deutscher Traum. Schorse schreit es heraus, als würde das etwas bedeuten. Die Lehramtsstudenten schreien mit. Wir nicht.

Dein Durst bestimmt den Kurs. Viva-Vision. Börsencrash. Zurück auf Null.

Wir sind auf der Suche nach etwas Großem. Es muss hier etwas Großes geben. Wir sind vorsichtig optimistisch. Das kälteste Ostern seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen, und der Weg zum mynt ist weit. Wir machen Pausen, lassen uns reinfallen in das, was diese Stadt sonst noch zu bieten hat.
Die Bierbörse ist das Sammelbecken für alle zwischen 14 und 23. Bier als Ware ohne Genuss, das Angebot bestimmt die Nachfrage. Wir haben diese Leute schon im Fernsehen gesehen, aber wir dachten nicht, dass sie echt sind, vielleicht sind sie es auch nicht, wer weiß das schon. Das Problem mit psychedelischen Drogen ist, dass du irgendwann denkst, alles wäre eine Reality-Soap auf Viva. What were we doing here, what was the meaning of this trip? Wir bestellen Vodka-Energy für einen Euro und sind nicht glücklich. Die Samen sind Drogen für zuhause, für Gemütlichkeit. Farben kucken. Leise Musik hören. Bei deinen Leuten bleiben. Wir sind in einer Großraumdisco. Wir hören Musik, die wir nicht mögen. Wir setzen uns der totalen Reizflut aus und reagieren überfordert. Wir dachten, wir könnten das aushalten. Wir sind in einer Hüttengaudi, in den Innereien von allem, was wir hassen: Après-Ski, Mallorca, Schlagerparty, Top100. Und alle lachen zu laut.

Die Blase platzt. Alle Lichter blinken, und plötzlich ist der Börsencrash da, das Bier kostet nur noch 1,60, alle rennen zur Bar, und der DJ legt ein Lied auf, in dem es heißt, dass Pizza spitza macht, aber Döner schöner, und wieder schreien alle.
Das kann es doch nicht sein. Das kann doch nicht sein, was diese Menschen sich erhoffen, oder erträumen, das kann doch nicht sein, was sie wollen, was die Stadt will, was alle wollen. Wir ziehen uns zurück, mit gesenktem Kopf.

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Copyright © Jan Fischer und Marcel Maas – Jun 15, 2008