Simone Unger

Zwischen Geisterbahn und Klapsmühle

Ein Interview mit dem Filmemacher Wenzel Storch über katholische Wunderländer, die Kunst, Kekse auf Stoff zu kleben, und den Unterhaltungswert der Kastelruther Spatzen


Permanentes Schillern

lit: Du hast mal gesagt, dass Deine Filme durch LSD-Erfahrungen inspiriert sind.

Storch: Es ist natürlich immer schwierig, so offen über Drogenerlebnisse zu reden, aber das ist ja auch alles lange her. Eines Sonntags, das muss Anfang der Achtziger gewesen sein, hab ich mit einem Freund eine Mikropille geschluckt und dann kam die Idee, zur Abwechslung mal in die Kirche zu gehen. Bei Trips steht ja immer die Frage im Raum: Wo gehen wir hin, wo ist es schön? Also haben wir uns auf den Weg zum Hildesheimer Dom gemacht, man weiß ja, dass in den Kreuzgang so schön die Sonne reinscheint. Zur Verpflegung haben wir uns eine Tüte Weingummiteufel geholt, aber es war ein total heißer Sommer, und die sind uns nach ein paar Minuten völlig klebrig in der Hand zerschmolzen, so dass wir die Reste später in der Nähe der Badeanstalt begraben mussten. Vor dem tausendjährigen Rosenstock und zwischen den alten Grabkreuzen dachte ich dann, es müsste doch toll sein, wenn man den ganzen Quatsch, der sich hier gerade so entwickelt, als bunten Film auf die Leinwand bringen könnte. Natürlich ist einem sofort klar, dass es einen Film, der auch nur halb so kunterbunt und unberechenbar ist, wie es auf Pille pausenlos zugeht, gar nicht geben kann. Aber was ich bei Trips nun mal so gut finde, ist, dass du überhaupt nicht wissen kannst, was im nächsten Moment kommt. Dieses permanente Schillern. Auf Acid steckt ja hinter den prächtigsten Dingen auch immer der plötzliche Horror und umgekehrt.

lit: Das sieht man auch in den Filmen.

Storch: Das war es jedenfalls so ungefähr, was mir vorschwebte: ein Film, bei dem selbst die gruseligsten Dinge gleichzeitig auch wieder ganz niedlich sind. Ich finde ja überhaupt, dass LSD als Lehr-Stoff in die Klassenzimmer gehört. Auch wenn sich das ein bisschen nach „Fliegendes Klassenzimmer“ anhört, zumindest in den Filmhochschulen wär`s angebracht. Mein Vorschlag wäre: am besten gleich in der ersten Stunde jeder eine Pille. Als Droge, die alle sinnlichen Wahrnehmungen verbessert, optisch, akustisch usw., ist LSD ja eigentlich wie geschaffen für den Unterricht. Damit man erst mal lernt, wie überhaupt alles aussehen kann, bevor man durch ein Objektiv kuckt und die sogenannte Wirklichkeit abbildet. Oder verfremdet, oder was weiß ich... Übrigens habe ich meinen letzten Trip teilweise im Riesenrad zugebracht, das war auf dem Hildesheimer Weihnachtsmarkt, im Winter 1996. Lang ist`s her. Ich muss aber trotzdem sagen: Direkt haben meine Filme mit Drogen nichts zu tun.

lit: Es gibt auch immer wieder Szenen, in denen zum Beispiel Zaubertränke gereicht werden.

Storch: Aber der Zuschauer muss keine besonderen Rausch-Erfahrungen mitbringen, um damit was anfangen zu können. Natürlich gibt es allerlei Anspielungen und Zitate, aber wenn die Zaubertränke zum Beispiel „Schlüpferstürmer“ oder „Busengrapscher“ heißen, dann sind das eben in Wirklichkeit ganz reale Produkte eines Herstellers aus Sarstedt. Und was soll man schon davon halten, wenn Oleander in „Sommer der Liebe“ Willy Brandts Nasenhaare in der Pfeife raucht? Oleander kommt nach ein paar Zügen so übel davon drauf, dass er nur noch SPD wählen will. Beziehungsweise sogar bei den Jusos mitmachen. Bei so einer Wirkung würde ich natürlich auch raten: Finger weg von den Drogen!

lit: Du bist katholisch erzogen worden, war das für Dich ein Auslöser, Filme zu machen?

Storch: Bei uns zu Hause wimmelte es von Kruzifixen und Weihwasserbecken. Irgendwann steht man dann gegen seinen Willen in Frauenkleidern vor der Gemeinde. Ich habe das als eine Art Terrorregime erlebt, die ganzen Kreuzweg- und Maiandachten, die endlosen Karfreitags-, Palmsonntags- und Fronleichnamsprozessionen, das ewige Beichten und Rosenkranzbeten, und zusätzlich wird man einmal die Woche auf den Altar gescheucht. Da spuken einem natürlich noch mit 18 oder 19 allerlei katholische Bilder im Kopf herum. Und irgendwann kam dann eben der Gedanke: Warum nicht ohne das Wissen der Kirche, hinter ihrem Rücken sozusagen, einen römisch-katholischen Propagandafilm drehen? Also den Zuschauer gewissermaßen in ein apostolisches Zauberland entführen, in dem es mindestens so bescheuert zugeht wie in einem Gottesdienst.

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Copyright © Simone Unger – Jun 15, 2008