Simone Unger

Und wenn nichts ist, ist Gruppenrausch

Im Gespräch mit der ‚Fräulein Wunder AG’ über Kollektiv und Gurken, Swingerclubs und maximale Ineffizienz.


lit: Stress!

Hinz: Ja, ich habe gemerkt, wie die Grenzen schwinden. Man ist da plötzlich in so einem Kosmos, in dem es total normal erscheint, jedes Wochenende herumzureisen und in den Swinger-Club zu gehen, an SM-Workshops teilzunehmen. Und dann plötzlich sitzt man in der Uni, leitet eine Übung und wendet irgendwelche Praktiken an und sagt: „Ach diese Übung habe ich übrigens aus einem SM-Kurs“. Und alle schauen einen plötzlich komisch an.

Lutz: Man merkt gar nicht mehr, wie sich die Normalität verschiebt und denkt nur, dass man sich jetzt gleich wieder auf das Wochenende vorbereiten muss. Von daher sind die ganzen drei Wochen eine permanente Grenzüberschreitung gewesen.

Lobert: Durch die Gruppe verstärkt sich diese Verschiebung, allein hätte man noch Bedenken, darüber zu reden aber durch die gemeinsame Erfahrung wird es so selbstverständlich. Erst ein paar Wochen später holt einen das wieder ein, wenn Bekannte mailen, ob sie die Details jetzt erfahren könnten oder ob sie sich Sorgen machen müssten. Und dann denkt man erstmal: Moment, was habe ich erzählt, wen hat das schockiert?

lit:Hat das Thema Rausch also zur Auseinandersetzung mit der Gruppe beigetragen?

Lobert: Nein, das sind strukturelle Fragen, die bei jedem Thema auftreten.

Lutz: Es hätte genauso gut Gurke sein können. Wir entscheiden einfach etwas und dann machen wir das, egal was es ist. Dann machen wir eben ein Projekt über Gurke. Ich mag zwar keine, aber dann esse ich eben mal welche. Für das Kollektiv mach ich das.

Hinz: Mit maximalem Zeitaufwand, maximalem Körpereinsatz und maximaler ökonomischer Ineffizienz.

Lutz: Genau, bei uns machen alle alles, keiner sitzt draußen und schaut bei den Proben zu. Wir haben eine Kamera, die stellen wir auf.

lit: Ist das nicht auch sehr anstrengend?

Lutz: Ich finde es eher bereichernd, auch wenn es manchmal nervt, sich dauernd auf der Kamera anschauen zu müssen. Das ist ja auch eine Überwindung, sich immer wieder auf dem Fernseher sehen zu müssen und darüber hinwegzugehen, dass man sich hässlich oder bekloppt fühlt. Da wächst man aber dran. Und ich finde, wir sind eine Optimierung unseres jeden individuellen Selbst, ich zumindest fühle mich als Fräulein-Wunder-Lutz maximal optimiert.

lit: Wie geht ihr nun mit dem ganzen Erfahrungsmaterial an die künstlerische Umsetzung?

Lobert: Wir haben uns im Prinzip ein Konkurrenzmedium auf die Bühne geholt mit der Kamera, wir müssen uns überlegen, was wir vom Filmmaterial zeigen und was wir mit unserem Körper besser transportieren können.

Lutz: Was hat sich zum Beispiel in uns eingeschrieben, welche körperlichen Spuren gibt es. Es ist etwas anderes, ob ich mich hinstelle und mich live mit Wäscheklammern bearbeite oder ob man das auf der Leinwand sieht.

Hinz: Wir schauen uns jede Aufnahme an und überlegen, was an Erzählung darin steckt und wie sich das mit unserer Erinnerung deckt. Dann überlegen wir, wie wir die Bilder auf der Bühne szenisch verhandeln können, denn natürlich präsentieren wir nicht nur dokumentarisches Filmmaterial.

Lorbert: Im Grunde versuchen wir, durch die Erzählungen die eigenen Vorstellungsbilder anzureichern oder aber auch zu entlarven. Auf der Filmebene sieht das Kokain super aus und dann erklären wir plötzlich, dass es nur Backpulver ist. Aber da muss man überlegen, an welcher Stelle ich dieses Bild noch aufmotze, und wann die Irritation kommt: War das nun echt? Mit diesen Verunsicherungsmomenten arbeiten wir ganz stark.

… zurück «


Copyright © Simone Unger – Apr 15, 2008