Simone Unger

Und wenn nichts ist, ist Gruppenrausch

Im Gespräch mit der ‚Fräulein Wunder AG’ über Kollektiv und Gurken, Swingerclubs und maximale Ineffizienz.


lit: War das dann auch ein Problem für die Theater-Arbeit?

Lobert: Nein, das war kein Fehler sondern die Strategie. Wir haben eine sehr gelenkte und immer wieder geprüfte Arbeitstruktur geschaffen und einen genauen Zeitplan entworfen, der auch eingehalten wurde. Und gerade diese Akribie läuft dem Phänomen Rausch total quer und lässt eine Reibungsfläche entstehen.

Hinz: Unsere Naivität spielt dabei auch eine große Rolle, sie ist Teil des Konzepts. Zum Beispiel haben wir den Tiefenrausch ausprobieren wollen und sind dazu in Düsseldorf beim Verein „Tiefenrausch“ gewesen. Und dort waren wir natürlich nicht im Meer sondern im Schwimmbad, wo die Tiefenverhältnisse den Rausch überhaupt nicht ermöglichen. Zwar gibt es eine Überschreitung, weil man mit einer Flasche da runter tauchen muss. Aber letztendlich ist es eine bloße Simulation von Tiefenrausch.

Lutz: Aber natürlich kann man das auf der Bühne dann wieder behaupten, weil die Kamera-Bilder nur zeigen, dass wir unter Wasser waren. Umgekehrt funktioniert das auch: So spiegelt sich vieles, was für uns rauschhaft war, auf der Bildebene gar nicht wider.

Hinz: Und das ist auch ein Aspekt unserer Arbeit: Inwieweit ist Rausch überhaupt etwas, das man erlebt oder nur ein Bild, das man aus Filmen kennt und dann versucht, nachzuempfinden, als wolle man ständig den Pulp-Fiction-Moment in sein Leben holen.

Gruppenrausch als Arbeitsform

lit: Habt ihr euch als Gruppe verändert?

Lobert: Genau diese Frage ist bei dem Thema zentral. Bei uns ist die Setzung: Wir machen alle alles immer zusammen. Aber da gehen natürlich die Räume verloren, in denen man etwas für sich hat. Und das ist ja wichtig für den Rauschmoment, dass man sich in Sphären bewegt, in die andere nicht mehr kommen.

Lutz: Natürlich ist das trotzdem passiert, weil manche Erlebnisse für einige von uns rauschhaft waren und für andere nicht.

Hinz: Es waren drei Wochenenden hintereinander, an denen wir von Freitag bis Dienstag immer unterwegs waren. Zwischendrin haben wir versucht unsere sonstigen Jobs zu erledigen und dann ging`s wieder los.

Lobert: Und wenn nichts war, war immer noch Gruppenrausch! Das ist auch eine extreme Erfahrung, non-stop zu sechst plus Kamerateam unterwegs zu sein. Wir haben teilweise sogar vier Tage alle in einem Zimmer gewohnt, geschlafen, jeder mit seiner individuellen Katerphase.

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Copyright © Simone Unger – Apr 15, 2008