Julia Schulz

bierdunst über heslach

Ein Interview mit Ulf Stolterfoht über seinen jüngst erschienenen Gedichtband „holzrauch über heslach“, über Anarchie, Mittel zur Bewusstseinserweiterung und die Faszination an Fremdwörtern.


lit: In „holzrauch über heslach“ spielt der Stamm der „Katzenartigen“ eine wichtige Rolle. Wie sind Sie auf die Formulierung „Katzenartige“ gekommen und für wen oder was stehen sie?

Stolterfoht: Die „Katzenartigen“ sind ein Zitat eines amerikanischen Gitarristen. Es hat sie also schon vor meinem Gedicht gegeben. Ich habe sie in meinem Buch genutzt, um eine mythologische Vorgeschichte zu Heslach zu erfinden. Mich hat der Gedanke fasziniert, einen Gründungsmythos des Stadtteils zu erfinden. Die „Katzenartigen“ sind die Urväter des Stadtteils. Sie sind meine Vorgänger.

lit: Heslach ist ja eine Arbeitersiedlung, die sich dem bürgerlichen Ambiente Stuttgarts schon immer so weit wie möglich entzogen hat. Ihr Gedicht beschreibt eine Parallelgesellschaft inmitten des biederen Stuttgarter Beamtentums. In wiefern bezeichnen Sie sich als ein Arbeiterkind?

Stolterfoht: (lacht) Ich wäre immer gern ein Arbeiterkind gewesen. Meine Freunde kamen alle aus Arbeiterfamilien. Heslach liegt in einem Tal. Je höher man den Hang entlang wohnt, umso besser ist man finanziell abgesichert und umso bürgerlicher sind die Leute. Wir haben genau an der Grenze zu „gut“ und „böse“ gewohnt. Ein Dasein als Arbeiterkind hätte meiner damaligen Lebenswirklichkeit sicherlich besser entsprochen. In Bezug auf meine Freunde habe ich stets eine Trennung gespürt. Bei uns galt es als Stigmatisierung aus einer „besseren“ Familie zu sein. Als Ausgleich habe ich dann die, in meinen Augen, richtige politische Sozialisation durchlebt.

Die Biersorte als Glaubensfrage

lit: Rausch und Drogen, das scheint eine Thematik, die in ihrem Heslach sehr präsent ist. Sie schreiben zum Beispiel darüber, dass Heslach regelmäßig von den Geruchschwaden des „Stuttgarter Hofbräus“ heimgesucht wurde, wobei außer Alkohol auch noch andere Rauschmittel in ihrem Gedicht zum Einsatz kommen…

Stolterfoht: In meinem fiktiven Heslach habe ich ein Element aus der Realität weiterhin gelten lassen. Es ist nämlich so, dass die Brauereien Heslach sehr stark prägen. Sie sind überall zu riechen und es ist schon fast eine Glaubensfrage, welches Bier man trinkt. Das Bier mit Silberhals war für die Reichen, das ohne, für die Ärmeren bestimmt.
Dann schreibe ich in meinem Gedicht noch von den sogenannten „neuen Pflanzen“. Mit derartigen Drogen, Engelstrompete und so weiter, habe ich nur begrenzte Erfahrungen sammeln können. Ich glaube, wir haben einfach immer zu wenig genommen (lacht).
Ich habe ein ausgeprägtes Interesse am Schamanischen und der Bewusstseinserweiterung, die damit einher gehen kann. Hierfür stehen auch die Katzenartigen. Durch Rauschzustände und anarchische Lebensweisen soll sich vom Spießbürgertum abgehoben werden. Alle Wirkungsweisen von Rauschmitteln und den Mitteln, die es sein wollen, sind aber wieder bloße Behauptungen, die ich aufgestellt habe.

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Copyright © Julia Schulz – Jul 15, 2008