Laura Strauch

Irgendwie voll krass

Zwischen extrem eklig und brutal ehrlich: Charlotte Roches Debüt „Feuchtgebiete“ lässt keinen Leser trocken


„Es geht irgendwie um Sex und muss voll krass sein“, sagt das Mädchen in der Schlange vor der Kasse zu ihrer Freundin und hält in der Hand das Buch mit dem pinkfarbenen Einband, auf dem ein Pflaster klebt. Feuchtgebiete von Charlotte Roche hat sich bis heute 760.000 Mal verkauft, hält sich auf Platz eins der Bestsellerlisten und die Feuilletons sind zwei Monate nach der Veröffentlichung immer noch regelmäßig damit beschäftigt.

Oh du geheiligte Kacke

Also, worum ging es noch mal? Die 18-jährige Helen Memel liegt nach einer verunglückten Intimrasur im Krankenhaus. Außerdem hat sie Hämorrhoiden, die ihr bei der Gelegenheit gleich mit entfernt werden sollen. Ihre geschiedenen Eltern sind dagegen nicht durch einen operativen Eingriff wieder zusammen zu flicken – und doch hofft Helen auf eine Versöhnung der beiden an ihrem Krankenbett. Während sie vergeblich darauf wartet, erfährt der Leser allerhand über ihr Intimleben: Helen beschäftigt sich exzessiv mit ihren Körperöffnungen, kümmert sich nicht um Hygiene, mag es, Duschköpfe einzuführen, isst gerne ihren eigenen Wundschorf und macht sich einen Spaß daraus, öffentliche Toiletten vor dem Hinsetzen mit ihrer „Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis“ sauber zu wischen. Das macht sie 200 Seiten lang. Ein 200 Seiten langer Muschi-, Smegma-, Sperma, Arsch-, Löcher- und Kacke-Rausch.

Die Ursuppe Frau

Doch es geht um ein bisschen mehr. Zum Beispiel darum, dass eine vollkommen verrückte Schönheitsindustrie Mädchen mit absurden Werbekampagnen bombardiert, die sagen: Dein Körper muss rein sein. Wenn du dich nicht drei Mal am Tag von oben bis unten rasierst, deinen Intimbereich desinfizierst und mit parfümierten Slipeinlagen Körpergeruch verhinderst, bist du ein schlechtes Mädchen und wirst niemals eine gute Frau. Denn richtige Weiblichkeit ist sauber. Sie kennt keinen Analsex, hat überhaupt keinen Anus. Es geht außerdem darum, dass dieses unreflektierte, in der Ursuppe des Frauenbildes herum schwimmende Diktat von Müttern an ihre Töchter weitergegeben wird – die Söhne nicht zu vergessen. Denn die sind es schließlich, für die der ganze Schönheitstanz veranstaltet wird und die sich dessen Spielregeln ebenso wenig entziehen können.

Ich stinke, also bin ich

Deswegen sollte dieses Buch jeder lesen. Mütter, ihre Töchter, die Söhne und deren Väter auch. Und so hat Charlotte Roche die richtige Entscheidung getroffen, als sie beschloss, 200 Seiten lang bis ins allerkleinste Detail zu beschreiben, wie ein Mädchen alles macht, was als unmädchenhaft gilt. Man kann natürlich müde lächeln und sagen: „Wir wissen doch alle Bescheid über die böse, böse Schönheitsindustrie!“. Man kann sich auch fragen, ob Dinge, die man schon immer eklig fand, plötzlich sexy und natürlich sein sollen, nur weil Charlotte Roche sie schreibt. Berechtigte Überlegungen, über die man streiten kann. Hauptsache, man tut es. Und eben deswegen muss der Roman genauso zügellos schwitzen, stinken und behaart sein. Sonst würde ihn das Mädchen in der Schlange vor der Kasse nicht „voll krass“ finden und die Feuilletonisten hätten ihn längst wieder vergessen.

Charlotte Roche: Feuchtgebiete. DuMont, Köln 2008. 220 Seiten, Paperback. 14,90 Euro.

Zu Janwillem Dubils Rezension …


Copyright © Laura Strauch – Jul 15, 2008