Imke Schröder

Liebe auf den dritten Blick

Eine Liebeserklärung an Feridun Zaimoglu und seinen „Liebesbrand“


“Rippe“ spricht sie an mit den Worten: „Ich will dein Geliebter sein“. Tyra zeigt sich wenig interessiert. „Rippe“ gibt nicht auf, im Gegenteil: Er macht sie zu seinem Lebensinhalt, reist ihr hinterher, spürt sie in jedem Versteck auf, egal ob in Prag oder Wien. Sie ist hin- und hergerissen, schließlich bricht sie aus ihrer Ehe aus – haben kann „Rippe“ alias David sie deswegen noch nicht. Auf der Reise nach Prag, wo sie studiert, lernt er eine andere kennen, die sich wiederum in ihn verliebt, eine junge Schauspielerin. Doch bis er endlich entscheiden kann, wohin er gehört, wird noch oft die Liebe beschworen und wieder zurückgewiesen. »Vorbei, sagte Tyra. – Was, verdammt noch mal, soll vorbei sein?! Du hast doch noch gar nicht angefangen. – Doch, habe ich. – Es wird dir vielleicht nie wieder passieren, dass ein Mann dich so begehrt wie ich. Das weißt du doch. – Ja, das weiß ich, sagte sie. – Aber es ist dir egal. – Wir haben die eine oder andere Nacht zusammen verbracht. Ich wollte es, und es war schön. Mehr empfinde ich nicht für dich. – Keine Liebe, flüsterte ich. – Keine Liebe, sagte sie, und dann drehte sie sich um und ging davon.«

Konzentrat aller Liebesgeschichten.

Die Geschichte ist das Konzentrat aller Liebesgeschichten, eine Ode an ein ewig wiederkehrendes Thema: die Suche nach der Liebe und die Sucht nach ihr. Aber die Geschichte erzählt das Alte noch einmal ganz neu. In einem facettenreichen Sog aus wundersamem Deutsch, erklingen Sätze, die mit ihrer Melodie mehr als verzaubern. Zaimoglu schafft es, seine Leser zum Lachen zu bringen, dann wieder zum Weinen und wieder zum Lachen. Überall ragen ironische Spitzen aus dem Meer an heißem Begehren und drängendem Lieben – Spitzen, die umso stärker klingen, wenn er selber liest.

Doch verlangt Zaimouglu seinen Lesern auch eine Menge ab. Die Länge der Sätze verwirrt die Sinne und am Ende ist gar nicht mehr sicher, wie alles begonnen hat. Zaimoglu fordert das, was auch seine Figuren voneinander wollen: dass der Leser sich in seine Klauen begibt, sich ihm ganz hingibt. Doch er belohnt ihn für das Vertrauen. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat er nicht bekommen – aber er hätte ihn verdient. Denn Zaimoglu hat hier ein außergewöhnliches Plädoyer vorgelegt, eines, das nah an der Realität und doch zauberhaft wie ein Märchen ist. Ein Plädoyer für die Liebe auf den dritten Blick.

Feridun Zaimoglu: Liebesbrand. Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2008. 352 Seiten, Hardcover. 19, 95 Euro.

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Copyright © Imke Schröder – Jun 15, 2008