Martin Spieß

Kulturwissenschaftler des Rausches

Eine Hommage an Hunter S. Thompson


Nicht ohne einen Wild Turkey

Wenn Alkohol und Drogen – im weitesten Sinne – sein Tod waren, sie waren auch Thompsons Leben. Er brauchte beides wie die Luft zum Atmen. Zu allererst waren sie Mittel der Entspannung: Nur mit einem gewissen Pegel an Wild Turkey fühlte er sich wohl, konnte sich zurücklehnen und beobachten, was um ihn herum geschah. Er konsumierte um runter zu kommen oder um auszuflippen. Letzteres erhielt immer öfter Eingang in seine Arbeit. Mehr noch, es wurde fester Bestandteil seines Schreibens.

In seinem ersten, 1964 erschienenen Buch schreibt Thompson über die Motorradgang „Hell’s Angels“, eine Outlaw-Bande zügelloser Säufer, Vandalen und Vergewaltiger. Thompson fühlte sich bei den Angels zwar nicht zuhause, aber auch nicht ganz unwohl, trank mit ihnen und nahm Drogen, was ihn am Ende fast das Leben kostete. Ein Streit, einfach so ohne Grund vom Zaun gebrochen, eskalierte und er fand sich plötzlich am Boden inmitten von Stiefelspitzen wieder. Er überlebte, war dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen.

„Vergiss all den Mist, den du vorher geschrieben hast“

Nach dieser Erfahrung drehte Thompson eher noch mehr auf, als dass er ruhiger wurde. Der entscheidende Schritt für sein Schreiben war eine 1970 erschienene Reportage über das Kentucky Derby, das er zusammen mit dem englischen Zeichner Ralph Steadman besucht hatte. Er wollte den Ursprung und das Wesen jener Menschen erkunden, die ihr Geld verwetteten und versoffen, als verwahrloste Wracks endeten. Am Ende hatte Thompson Unmengen Geld verzockt, alkohol- und drogenbedingte Erinnerungslücken und sein Spiegelbild entsprach nicht mehr dem Mann, der noch Tage vorher angereist war. In seiner Reportage legt Thompson genau das offen. Bill Cardosa, seinerzeit Redakteur des Boston Globe Sunday Magazine, schrieb daraufhin in einem Brief an Thompson:

Vergiss all den Mist, den du vorher geschrieben hast. Das hier ist es; das ist purer Gonzo. Wenn das ein Anfang ist, mach weiter so.

Der Begriff „Gonzo“ stammte, laut Cardosa, aus dem Wortschatz Südbostoner Iren und meinte denjenigen, der am Ende einer Sauftour noch steht.
Bill Cardosa beschrieb damit als erster Thompsons Arbeit als Trip. Die journalistische Beobachtung eines Einzelnen wird unter den Einfluss von zwar die Gesundheit gefährdenden, aber dafür bewusstseinserweiternden Mengen an Alkohol und Drogen gesetzt – und gerade dadurch bereichert.

… zurück «   » weiter …


Copyright © Martin Spieß – Apr 15, 2008