Lino Wirag

Angenehm uncool schreiben

Mit dem Notizbuch im Baumarkt


Schreibunlust überwinden

lit: "Manches gelungen, anderes nicht gelungen zu finden, ist okay und richtig, das zeugt von der Fähigkeit zur Reflexion und Selbstkritik, aber aufschreiben sollte man trotzdem beides." Ist das schon eine Weisbrod-Poetik?

Weisbrod: Ich hoffe nicht, sonst wäre ich ja wie Herschell Gordon Lewis, der „Godfather of Gore“! Ich sehe es eher als eine Möglichkeit, Schreibunlust zu überwinden. Denn Prokrastination rührt ja nicht daher (wie Herr Goldt so treffend festgestellt hat), dass einem nichts einfällt; sondern daher, dass man Angst hat, dass das, was einem einfällt, nicht reichen oder zu schlecht sein könnte. Wenn man darauf erstmal pfeift – kommt man vielleicht weiter.

lit: Ich lese ja als Erstes die Vitae. Dein Verlag schreibt: "Lars Weisbrod war als Teil der 'Generation Praktikum' hier und dort als Praktikant beschäftigt". Soll damit ein bestimmtes Publikum angesprochen werden? Das Buch selbst hat mit Praktika ja nichts am Hut?

Weisbrod: Das war eine Kurzvita, die ich recht schnell für ein Internetprojekt zusammengetippt habe; die ist jetzt mehr oder weniger aus Versehen bis ins Buch gewandert.

lit: Dein Debüt, "Schnee, der auf Zidane fällt", hängt bei Amazon bei 3 von 5 Sternen. Da schreibt dann jemand: "Das überflüssigste Buch des Jahres, geschrieben von einem round-about Zwanzigjährigen. Es gibt schon einen Grund, wieso die sich an der Uni vergnügen sollen und nicht schreiben. Kann man sich sparen, das Geld." Schmerzt so was die Autorenseele? Denkt man dann den berüchtigten "Schreib doch erst mal selber ein Buch!"-Satz?

Weisbrod: Nein, natürlich nicht! Ich dürfte den Satz ja auch niemals sagen, denn gerade im Kolumnen- und Glossenbereich kritisiert man ja dauernd Sachen, die man selbst nie könnte. Man meckert ja vielleicht sogar, weil man sonst nichts kann. Mir sind schlechte Rezensionen eher peinlich.
Ich glaube, das Buch – das ja eine WM-Reisereportage ist –, hat falsche Erwartungen geweckt: Es sollte auch ein Gegenentwurf zum großen Getümmel und der Sönke-Wortmann-Dokumentation sein. In einer Rezension stand ungefähr: Was sich liest wie die Ferienberichte eines Zehntklässlers, gewinnt seinen Charme durch die Abwesenheit von allem Wesentlichen. Das war vielleicht als Beleidigung gemeint, ich fand aber, es brachte mein Anliegen gut auf den Punkt.
In einer Amazon-Rezension zum neuen Buch heißt es, ich würde „angenehm uncool“ schreiben. Ich behaupte einfach mal, dass das zwei Seiten der gleichen Medaille sind.

lit: Du bist vor kurzem bei einem Poetry Slam im Fernsehen aufgetreten. Wie war's? "Freak-Show für Abiturienten mit viel obszönem Gebrüll" (M. Scharnigg) – oder revolutionäre Form, die die Literatur wieder dahin zurückbringt, wo sie herkommt?

Weisbrod: Wo kommt die Literatur denn so her? Von Homer, dem blinden Sänger?
Slam-Texte unterscheiden sich grundlegend von Epen oder Romanen; die kann man nicht einfach mündlich wiedergeben. Obwohl es eine nette Vorstellung wäre: Daniel Kehlmann erzählt einem ausgewählten Kreis bei reichlich Speis und Trank und prasselndem Kaminfeuer seinen neuen Roman. Ich stelle mir Slam-Texte eher wie politische Reden im alten Rom oder Ovids Metamorphosen vor.
Für mich war der Fernsehauftritt eher eine Blamage, was wohl daran liegt, dass ich kein richtiger Slammer bin. Ich beobachte das lieber von außen und kritisiere es, das bilde ich mir ja ein, zu können.

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Copyright © Lino Wirag – May 15, 2008