Lino Wirag

Angenehm uncool schreiben

Mit dem Notizbuch im Baumarkt


Weblog als Testgelände

lit: Für "Parkhaus 4" hast du ja auch ältere Texte verbraten ...

Weisbrod: Neben Faulheit und Zeitnot ist es doch immer eine Freude, wenn ein etwas älterer Text, seinen Platz und seine Funktion findet. Ich finde es – wie wohl alle Autoren – schade, dass Texte immer auch fürs Vergessenwerden entstehen (Eitelkeit vermutlich).
Was sich noch im Buch wieder findet, sind ein paar Ideen, die ich bereits in Weblogbeiträgen benutzt habe: Das liegt daran, dass ich das Weblog als Testgelände betrachte. Ein nicht erst posthum, sondern in Echtzeit veröffentlichtes Notizbuch, das ich mit meiner Kollegin Nadja Schlüter fülle (erneute Eitelkeit, vermutlich).

lit: Wer sind die Vorbilder für einen jungen Autor, der Glossen und Kolumnen schreibt? Der sänftigende Goldt, Giftknolle Droste, der mäandernde Kapielski? Spielen das Satiremagazin Titanic, deine Kollegen von der Literaturzeitschrift „Exot“ eine Rolle?

Weisbrod: Max Goldt hat mich auf jeden Fall sehr beeindruckt – und ich dachte auch immer, nicht nur mich, sondern „eine ganze Generation“ (wie man so sagt). Nur: so sänftigend finde ich ihn gar nicht. Die Titanic bedeutet mir sehr viel; sie ist ja nicht nur eine stilistische, sondern auch eine moralische Instanz. Sonst lese ich eher Zeitung als Bücher. Kollegen, die mich beeinflusst haben, sind Slammer oder Lesebühnenautoren, sonst kenne ich niemanden persönlich. Während ich "Parkhaus 4" geschrieben habe, habe ich immer wieder in Stuckrad-Barres „Deutsches Theater“ hineingeschaut: Den mag ja gerade niemand mehr, aber das Buch, das finde ich immer noch gut. Ich hätte gerne etwas Ähnliches geschrieben. Ansonsten habe ich Manns „Zauberberg“ gelesen, aber der hat höchstens auf das Vorwort abgefärbt (in dem ich den „geneigten Leser“ einlade, mir ins Buch zu folgen).
Insgesamt würde ich sogar sagen, es gibt nur einen Text (das „Badezimmer“) im Buch, der einem Vorbild nacheifert – und zwar Max Goldt. Beim Rest war ich drauf angewiesen, eine eigene Stil-Melange zu finden.

lit: Du hast ja früher häufig für Jetzt.de, Neon online, Yahoo etc.geschrieben. Ist das Netz deine Ursprungsdomäne? Hat es bei deiner Autorenwerdung und Stilfindung eine Rolle gespielt? Sind die „Parkhaus“-Texte auch als Blogtexte denkbar?

Weisbrod: Ich habe im Internet angefangen zu schreiben, dafür bin ich dem Netz auch sehr dankbar. Es könnte gut sein, dass ich es auch aus diesem Grund bisher noch nicht zum Romancier gebracht habe. Was im Internet geschrieben wird, ist fast immer kurz, meinungs- und erlebnisorientiert. Das trifft ja auch auf das zu, was ich schreibe. Vielleicht haben das Internet und Max Goldt eine ganze Schwemme von Jungkolumnisten zu verschulden ... Sonst ist das Netz aber ein guter Ort, um schnell Eitelkeiten zu befriedigen. Man muss nichts für die Schublade schreiben und kann alles gleich online stellen und sich da (mehr oder weniger) Aufmerksamkeit verschaffen. Sich darüber aufzuregen ist natürlich einfach und vermutlich sogar legitim – und trotzdem verbessert das Internet auf seine Art das Leben vieler jungen Autoren.
Weblogs sind ein Thema für sich: Ich bin mir immer wieder unsicher, wie ein gutes Weblog überhaupt auszusehen hat. Die Autoren der Riesenmaschine haben auf jeden Fall einen sehr schönen Stil gefunden. Auf der anderen Seite ist das Beschreiben privater Erlebnisse immer noch ein perfekter Bloginhalt – wenn es gut gemacht ist (z. B. Jens Friebes 52 Wochenenden).
Meine Ortsbeschreibungen sind aber weder das eine noch das andere. Vielleicht müsste man sich einen kleinen Überbau dazu ausdenken, damit daraus ein stilvolles Weblog werden könnte? So dass nach und nach neue Orte dazukommen, und das Ganze mit Google Maps verknüpft werden kann.

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Copyright © Lino Wirag – May 15, 2008