Tessa Müller

Man geht spazieren und sieht einen Schwan

Ein Werkstattgespräch mit dem Lyriker und Dramatiker Fitzgerald Kusz


Die Gedichte kommen auf einen zu

lit: Wie sieht ihr Arbeitstag aus?

Kusz: Gedichte kann man nicht planen. Die kommen auf einen zu, wenn man unterwegs ist, wenn man irgendwo spazieren geht, die passieren einfach. Aber bei Fernseharbeiten macht man ja vorher immer eine Storyline. Da kann man fast buchhalterisch sagen, jetzt setze ich mich hin und schreibe die nächste Szene – wie bei einem Bürotag. Beim Stückeschreiben, wenn man gut drauf ist, funktioniert das auch.
Ich habe auch immer blockweise gearbeitet. Es gibt diese Brecht-Regel: Ein Theaterstück schreibt man in acht Wochen, aber nicht in dreißig Jahren.
Er spielt damit auf Goethe und Faust II an. Trotzdem bin ich niemand, der selbstausbeuterisch nächtelang durcharbeitet. Ich arbeite lieber vier oder fünf Stunden und nehme die Spannung mit für den nächsten Tag. Fassbinder, den habe ich ja noch kennengelernt, das war so der Typ, der nächtelang mit Captagon, mit Wachmachern durchgemacht hat, bis er sein Filmdrehbuch fertig hatte.

lit: In welchem Alter haben Sie mit dem Schreiben begonnen? Und wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?

Kusz: Als Kind auf dem Land hatte ich damals die absurdesten Ideen – eine Zeit lang wollte ich evangelischer Pfarrer werden, dann wollte ich ganz lange Archäologie studieren, irgendwas ausgraben und neue Städte finden. Und dann gab es eine Zeit, da wollte ich Maler werden. In der Oberstufe wurde das Interesse für Literatur immer stärker, also habe ich angefangen, Deutsch und Englisch auf Lehramt zu studieren. Das hat mich dann aber so frustriert, dass ich angefangen habe zu schreiben.

Bei Handke mit Schlamm geworfen

lit: Sie waren von Ihrem Studium frustriert.

Kusz: Na, ich wollte mich mit moderner Literatur beschäftigen und dann musste ich mich mit deutschen Novellen rumschlagen, mit diesem ganzen alten Zeug. Und dann hab ich 1965/66 aus Frustration über das Germanistikstudium angefangen, zu schreiben. Zuerst einmal hochdeutsche Lyrik. Ich hatte eine Zeitschrift abonniert, die hieß „Konkret“, für die schrieb damals auch Ulrike Meinhof eine Kolumne. Und in dieser Zeitschrift waren moderne Gedichte abgedruckt, also nicht das, was man in der Uni besprach. 1967 haben zwei Schulfreunde von mir eine Lesung organisiert. Sie haben zu mir gesagt, da kommt jetzt dieser Peter Handke nach Erlangen. Wir machen eine Riesenlesung, und du musst mitmachen. Peter Handke war gerade durch seine „Publikumsbeschimpfung“ bekannt geworden, ich hatte vielleicht 20 Gedichte geschrieben. Außerdem war ich damals sehr schüchtern und wollte eigentlich gar nicht an die Öffentlichkeit treten. Ich hab das dann aber schließlich doch gemacht. Damals habe ich mit Bands zusammengearbeitet und etwas mit Hall und Soundeffekten gemacht. Und später wurde dann auch mit Schlamm geworfen. Jedenfalls habe ich an dem Abend dem Handke tatsächlich die Show gestohlen und hatte einen riesigen Erfolg damit. Das gab mir Auftrieb und ich habe weiter Gedichte geschrieben.

lit: 1967 war auch die Zeit der Studentenbewegung. Sind Ihre Gedichte davon beeinflusst worden, haben Sie politische Lyrik geschrieben?

Kusz: Meine Lyrik war sehr politisch, ich habe viele Agitations-Gedichte geschrieben. Wir haben damals gesagt, was wir machen, ist kein Agit-Prop, sondern Agit-Pop. Uns war also diese Mischung wichtig zwischen politischem Inhalt und Popelementen.

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Copyright © Tessa Müller – Apr 15, 2008