Tessa Müller

Man geht spazieren und sieht einen Schwan

Ein Werkstattgespräch mit dem Lyriker und Dramatiker Fitzgerald Kusz


lit: Also sind es oft Gespräche, die Sie hören und die Sie zum Schreiben anregen.

Kusz: Ja, ich reagiere sehr stark auf Sprache und schreibe in meinen Notizbüchern oft ganze Passagen von Gesprächen mit. Bei meinem Theaterstück „Schweig Bub“ war das extrem, da habe ich enorm viel notiert. Und dadurch, dass ich keinen Führerschein habe, bin ich oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und da höre ich die Leute sozusagen hautnah. Lyrik entsteht oft über – wie heißt das schöne alte deutsche Wort? – über eine Anmutung. Man geht spazieren und sieht einen Schwan oder so etwas, und bringt den in irgendeinen Zusammenhang und plötzlich ist ein Gedicht da. Es gibt ja viele Untersuchungen über den sogenannten Kreativen Flow, aber selber kann man das natürlich schwer erklären. Neulich zum Beispiel gehe ich durch die Luitpoldstraße in Nürnberg. Da sind diese Sex-Läden, „World of Sex“ und so was, und da kommt so ein Mann raus und leckt sich die Lippen. Und ich denke mir, das ist doch ein Haiku:

deä moo wou ass dä/
„world of sex“ rauskummd/
leckd si di libbm.

lit: Gibt es bestimmte Rituale beim Schreiben?

Kusz: Ja, Kaffee ist schon sehr wichtig. Na, und dann die kleinen Notizbücher, die ich überall mit hinschleppe.

lit: Sie schreiben noch handschriftlich?

Kusz: Ja! Ich könnte mir das auch nicht vorstellen, was ich immer wieder sehe: Dass man im Zug mit Laptop sitzt und da reinhämmert. Es muss doch vom Gehirn in die Hand und von da auf das Blatt gehen. Das ist ein direkter Draht. Auf dem Bildschirm sieht alles immer sehr schnell sehr gut aus, da lässt man sich Sachen durchgehen, die einfach nicht gut sind. Wer dagegen mit der Hand schreibt, schreibt kein überflüssiges Wort.

lit: Gebrauchen Sie bestimmte Stifte?

Kusz: Ja, das ist verrückt, ich habe eine wahnsinnige Schwäche für Bleistifte, und ich schreibe gerne auf Rückseiten. Ich hebe dafür immer alte Manuskripte auf. Und mit Bleistiften kann man gut kritzeln, man hat eine leichte Hand, und zwischendrin muss man spitzen, das regt irgendwie an.

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Copyright © Tessa Müller – Apr 15, 2008